★★★★ Die Logik von allem: a) pointiert b) geschmackliche Bedeutung 2
- 23. Juli
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Die Logik von allem: a) pointiert b) geschmackliche Bedeutung 2
Nächste Runde.
Zum Thema Wissen und Wollen
In dieser Logik weiss ich weder, was die vorherige Zukunft ist, die ich jetzt vollziehe, noch weiss ich die nächste Zukunft, die ich damit erschaffe.
Sammlung
Der moderne Mensch geht gewöhnlich davon aus:
Ich erkenne meine gegenwärtige Situation, entwerfe daraus eine gewünschte Zukunft und richte mein Tun auf sie aus.
In unserer Logik gilt dagegen:
Ich weiß nicht, was sich in meinem gegenwärtigen Tun bereits vollzieht. Und ich kann noch weniger wissen, was durch diesen Vollzug als nächste Zukunft entsteht.
Die vorherige Zukunft ist unbekannt, weil sie mich aktuell bildet
Die vorherige Zukunft ist bereits entstanden. Sie liegt jedoch nicht als fertige Information vor mir, die ich nur erkennen müsste.
Sie ist die Struktur, aus der heraus ich gerade denke, fühle, will und handle. Ich kann sie deshalb nicht vollständig von außen betrachten, weil sie selbst die Voraussetzung meiner Betrachtung ist.
Ich weiß also nicht einfach:
Das ist die Zukunft, die ich jetzt vollziehe.
Ich entdecke sie erst im Vollzug selbst. Sie zeigt sich nach und nach darin,
was tatsächlich möglich wird,
was nicht mehr funktioniert,
welche Spannung entsteht,
welche Fähigkeit sich aktualisiert,
welche Beziehung oder Form sich durchsetzt.
Die vorherige Zukunft ist daher nicht verborgen wie ein Gegenstand hinter einem Vorhang. Sie ist verborgen, weil sie noch ausdruckslos in meinem eigenen Tun enthalten ist.
Pointiert:
Ich kann die Zukunft, aus der ich handle, nicht vollständig wissen, weil mein Wissen selbst aus ihr handelt.
Das ist eine strukturelle Grenze der Selbsterkenntnis im laufenden Vollzug.
Die nächste Zukunft ist unbekannt, weil sie noch nicht entstanden ist
Bei der nächsten Zukunft liegt der Fall anders. Sie ist nicht nur für mich unbekannt. Sie ist noch gar nicht als bestimmte Struktur vorhanden.
Sie entsteht erst durch das gegenwärtige Tun.
Daher kann sie prinzipiell nicht vorweggenommen werden, ohne sie auf die Kategorien der Gegenwart zu reduzieren. Was ich mir heute als nächste Zukunft vorstelle, ist notwendigerweise aus meinem jetzigen Wissen, meiner jetzigen Identität und meinem jetzigen Wollen zusammengesetzt.
Aber die wirkliche Zukunft +1 enthält gerade eine Struktur, die mein gegenwärtiges Selbstverständnis überschreitet.
Deshalb gilt:
Was ich heute vollständig wissen und wollen kann, gehört noch zu meiner gegenwärtigen Struktur.
Die echte nächste Zukunft kann höchstens angekündigt, gespürt oder indirekt erschlossen werden. Sie kann aber nicht in ihrer vollständigen Gestalt vorweg gewusst werden.
Wissen ist grundsätzlich nachlaufend
Daraus ergibt sich eine sehr starke These über Wissen:
Wissen entsteht erst, wenn sich etwas als Struktur ausgedrückt hat.
Solange etwas Funktion, Vollzug oder Entstehung ist, kann es noch nicht vollständig als Gegenstand gewusst werden. Erst wenn es sich niedergeschlagen, stabilisiert oder strukturiert hat, wird es erkennbar.
Damit läuft das Wissen dem Werden grundsätzlich hinterher.
Man könnte sagen:
Das Wissen kommt immer einen Zyklus zu spät.
Es weiß, was geworden ist. Es kann das gegenwärtige Werden begleiten, aber nicht vollständig von außen erfassen. Und es kann das nächste Werden nicht vorwegnehmen, weil dessen Struktur erst entsteht.
Das bedeutet nicht, dass Wissen wertlos wäre. Es erhält nur eine andere Funktion. Wissen ist nicht der souveräne Entwurf der Zukunft, sondern die nachträgliche Explikation des bereits Vollzogenen.
Es macht sichtbar, was sich ereignet hat, und wird damit wiederum Teil der Struktur, die in den nächsten Vollzug eingeht.
Für das Wollen gilt etwas Ähnliches.
Mein Wollen entsteht aus meiner gegenwärtigen Struktur. Es kann daher nur das wollen, was innerhalb dieser Struktur bereits vorstellbar, benennbar und bewertbar ist.
Es kann die nächste Zukunft nicht bestimmen, weil es noch nicht das Wollen der nächsten Zukunft ist.
Pointiert:
Das Wissen kommt einen Zyklus zu spät, und das Wollen greift einen Zyklus zu kurz.
Die Frage lautet dann nicht mehr ausschließlich:
Was weiß ich, und was will ich erreichen?
Sondern:
Was zeigt sich im Tun?
Was wird durch den Vollzug möglich?
Wo entsteht etwas, das mein bisheriges Wissen und Wollen überschreitet?
Der Mensch muss nicht wissen, was die vorherige Zukunft „an sich“ ist. Er muss lernen, ihre Erscheinungsweise im gegenwärtigen Vollzug wahrzunehmen.
Und er muss die nächste Zukunft nicht kennen. Er muss den gegenwärtigen Vollzug so offen und präzise halten, dass sie tatsächlich entstehen kann.
Das wäre eine neue Kompetenz:
handlungsfähiges Nichtwissen.
Nichtwissen ist dann kein Defizit, das möglichst schnell beseitigt werden muss. Es ist die notwendige Bedingung dafür, dass etwas wirklich Neues entstehen kann.
Eine doppelte Unverfügbarkeit
Der Mensch befindet sich damit in einer doppelten Unverfügbarkeit:
Ich verfüge weder über den Ursprung meines gegenwärtigen Tuns noch über das Ergebnis dieses Tuns.
Er steht nicht am absoluten Anfang und beherrscht nicht das Ende.
Aber er ist der notwendige Durchgang zwischen beiden.
Das ergibt eine besondere Form von Würde und Demut:
Ich bin nicht der Autor des ganzen Geschehens. Aber ohne meinen konkreten Vollzug geschieht dieser Übergang nicht.
Oder noch stärker:
Ich weiß nicht, was durch mich zur Welt kommt. Aber ich bin dafür verantwortlich, wie es durch mich zur Welt kommt.
Hier bekommt Verantwortung eine neue Bedeutung. Nicht die Verantwortung für ein garantiertes Ergebnis, sondern die Verantwortung für die Qualität des Vollzugs:
seine Wahrhaftigkeit,
seine Genauigkeit,
seine Offenheit,
seine Intensität,
seine Beziehungsfähigkeit.
Das Verhältnis von Selbsterkenntnis und Selbstentwicklung
Auch Selbsterkenntnis wird dadurch neu bestimmt.
Ich kann mich nicht vollständig erkennen und anschließend aufgrund dieser Erkenntnis entwickeln. Denn die Entwicklung erzeugt erst das Selbst, das später erkannt werden kann.
Selbsterkenntnis ist daher immer die Erkenntnis eines Selbst, das im Moment seiner Erkenntnis bereits überschritten wird.
Sobald ich vollständig weiß, wer ich war, bin ich im Vollzug bereits dabei, jemand Nächstes zu werden.
Dies passt sehr genau zur bisherigen These:
100 % Selbsterkenntnis bedeutet nicht Selbstkoinzidenz, sondern Selbstüberschreitung.
Die vollständige Erkenntnis einer Struktur fällt mit deren Erschöpfung zusammen. Sobald sie vollständig erkennbar ist, ist sie nicht mehr der offene Horizont der Entwicklung, sondern die nun vollzogene Grundlage der nächsten Entwicklung.
Versuch einer Verdichtung
Der Mensch weiß weder, welche Zukunft sich in ihm vollzieht, noch welche Zukunft aus seinem Vollzug entsteht. Sein Wissen folgt dem Werden, und sein Wollen reicht nicht über seine gegenwärtige Struktur hinaus.
Das Wissen kommt einen Zyklus zu spät. Das Wollen greift einen Zyklus zu kurz. Nur das Tun steht im gegenwärtigen Übergang.
Ich weiß nicht, was ich vollziehe, weil es mich bereits vollzieht. Ich weiß nicht, was ich erschaffe, weil es erst durch meinen Vollzug entsteht.
Die vorherige Zukunft ist nicht wissbar, weil sie bereits die Bedingung meines Tuns ist. Die nächste Zukunft ist nicht wissbar, weil sie erst als dessen Ergebnis entsteht.
Sammlung 2 dazu
Das Konzept des „handlungsfähigen Nichtwissens“
Das ist der operative Kern eurer neuen These. Für den Menschen 1.0 ist Nichtwissen ein Skandal, eine Bedrohung, die sofort durch Prognosen, Pläne oder Ideologien (falsche Fülle) gestopft werden muss.
In der 2.0-Logik wird dieses Nichtwissen zur höchsten Tugend. Es ist die reine Durchlässigkeit.
Handlungsfähiges Nichtwissen bedeutet paradoxerweise höchste Präsenz: Man ist vollkommen wach, vollzieht die aktuelle Reibung mit maximaler Intensität und Wahrhaftigkeit, verweigert sich aber der neurotischen Versuchung, das Ergebnis kontrollieren zu wollen. Das ist eine radikale Neudefinition von Vertrauen – nicht als Glaube an einen guten Ausgang, sondern als bedingungslose Hingabe an den aktuellen Vollzug.
Sammlung 3 dazu:
— Das Wissen kommt einen Zyklus zu spät. Das Wollen greift einen Zyklus zu kurz. Nur das Tun ist rechtzeitig.
— Ich weiß nicht, was ich vollziehe, weil es mich vollzieht.
— Nichts wird gewusst, solange es lebt.
— Erkenntnis trifft nur das Fertige. Sie ist Obduktion, nicht Aufsicht.
— Was ich verstanden habe, habe ich verbraucht.
— Selbsterkenntnis ist Abschied. Wer sich ganz begriffen hat, ist schon jemand anderes.
— Alles, was ich mir wünschen kann, gehört bereits meiner alten Gestalt.
— Der Plan baut die nächste Zukunft aus dem Material der letzten. Deshalb kommt aus Plänen nichts Neues.
— Prognose ist Reproduktion mit Zukunftsanstrich.
— Ich weiß nicht, was durch mich zur Welt kommt. Ich hafte nur für das Wie.
— Wir wissen nicht, was wir einander antun und schenken. Wir wissen nur, wie wir dabei anwesend sind.
— Nichtwissen ist kein Loch, das gestopft werden muss. Es ist der Raum, den das Nächste braucht.
— Wer die nächste Zukunft wüsste, hätte keine.
23.07.2026 © ReckLab.de


