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★★★★ Fundamentale Empirie einer relationalen Existenzweise und die daraus hervorgehende Logik

  • 24. Juli
  • 7 Min. Lesezeit

Fundamentale Empirie einer relationalen Existenzweise und die daraus hervorgehende Logik




Die positive Selbstbestimmung durch die negative Bestimmung des anderen


Ausgangspunkt ist die Beobachtung eines möglichen Beziehungsmusters:


Ein Mensch kann versuchen, seine eigene positive Bestimmung dadurch hervorzubringen, dass er den anderen negativ bestimmt.


Die implizite Logik lautet dann:


«Ich bin richtig, wenn du falsch bist.

Ich bin stark, wenn du schwach bist.

Ich bin legitim, wenn du illegitim bist.

Ich gehöre dazu, wenn du ausgeschlossen bist.

Ich kann positiv erscheinen, wenn du zum Träger des Negativen wirst.»


Die eigene Position entsteht in diesem Muster nicht unabhängig vom anderen. Sie ist auf dessen Gegenposition angewiesen.


Der Mensch lebt dann relational daraus, dass der andere die negative Position einnimmt, die seine eigene positive Position ermöglichen soll.


Seine Energie richtet sich deshalb möglicherweise nicht primär darauf, etwas Positives aus sich selbst hervorzubringen. Sie richtet sich darauf, die negative Bestimmung des anderen herzustellen und aufrechtzuerhalten.


Das Positive wird nicht eigenständig erschaffen. Es soll durch die Verlagerung des Negativen auf den anderen entstehen.


Damit könnte eine zentrale Wahrheit der Beziehung sichtbar werden:


«Existenz ist nicht einfach Sein.

Existenz ist Beziehung – und zwar sich vollziehende, dynamische Beziehung.»


---


Trennung als intensive Form der Beziehung


Das aktive Trennen vom anderen kann außerordentlich viel Energie benötigen.


Eine solche Trennung ist jedoch nicht notwendig die Auflösung einer Beziehung. Sie kann im Gegenteil eine besonders intensive Form ihres Vollzugs sein.


Denn wer sich fortwährend vom anderen abgrenzen muss, bleibt auf ihn ausgerichtet. Der andere bleibt der Bezugspunkt, an dem die eigene Position hergestellt wird.


Daraus kann ein selbstverstärkender Zyklus entstehen:


«Aus-dem-Anderen-Leben erzeugt Trennung.

Die Trennung erzeugt eine noch stärkere Abhängigkeit vom anderen.

Die stärkere Abhängigkeit verlangt nach noch mehr Trennung.»


Je energischer ein Mensch versucht, seine Unabhängigkeit durch den Ausschluss oder die negative Festlegung des anderen herzustellen, desto vollständiger kann sein eigenes Tun von diesem anderen abhängig werden.


Die Trennung erzeugt dann nicht Freiheit, sondern eine Form maximaler Gebundenheit.


Eine mögliche Bezeichnung von Beugung wäre deshalb:


«Beugung ist der Versuch, sich aktiv vom anderen zu trennen, indem man ihn festlegt, um aus dieser Festlegung die eigene Position zu gewinnen.»


Dabei sind zwei Bewegungen zu unterscheiden:


1. Die Trennung vom anderen wird aktiv hervorgebracht.

2. Die eigene Position wird aus der Bestimmung des anderen gewonnen.


Zunächst könnte es erscheinen, als sei das Aus-dem-Anderen-Leben der Zweck der Handlung. Logisch könnte es jedoch umgekehrt sein:


Der eigentliche Zweck ist die Herstellung der Trennung. Das Aus-dem-Anderen-Leben ist das Mittel, mit dem diese Trennung hervorgebracht werden soll.


---


Die Herstellung von Nicht-Koinzidenz


Die fundamentale Prämisse unserer Logik lautet:


«Die Unmöglichkeit der Koinzidenz ist Selbsttun.»


Kein sich vollziehendes Werden kann vollständig mit sich selbst oder mit einem anderen zusammenfallen. Im Vollzug besteht immer eine Nicht-Koinzidenz.


Trennung könnte als der Versuch verstanden werden, diese Nicht-Koinzidenz operativ herzustellen.


Die implizite Bewegung lautet dann:


«Ich lege den anderen fest, um nicht mit ihm zusammenzufallen.

Ich bestimme ihn, damit ich mich als sein Gegensatz bestimmen kann.

Ich versuche, aus der Unmöglichkeit der Koinzidenz eine sichtbare Nicht-Koinzidenz hervorzubringen.»


Damit wird jedoch eine bereits bestehende relationale Nicht-Koinzidenz nicht vollzogen, sondern durch eine einseitige Festlegung ersetzt.


In unserer Begrifflichkeit wäre dies ein Untervollzug der Beziehung.


Der andere wird nicht als eigenständiger Pol einer gemeinsamen Beziehung vollzogen. Er wird auf eine Position festgelegt, die für die eigene Selbstbestimmung benötigt wird.


Der mögliche Übervollzug bestünde dagegen darin, die Nicht-Koinzidenz nicht erst durch Negativierung und Trennung erzeugen zu müssen, sondern sie als ursprüngliche Spannung der Beziehung anzuerkennen.


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Der Wunsch nach Koinzidenz hinter der Trennung


Hinter einem extremen Trennungswillen könnte paradoxerweise ein Wunsch nach Koinzidenz stehen.


Ein Mensch möchte möglicherweise das besitzen, verkörpern oder sein, was er im anderen wahrnimmt:


dessen Wirkung,

dessen Anerkennung,

dessen Lebendigkeit,

dessen Möglichkeiten,

dessen gesellschaftliche oder relationale Position.


Da eine tatsächliche Koinzidenz mit dem anderen unmöglich ist, versucht er, über dessen Festlegung, Aneignung oder Ausschluss auf dessen Position zuzugreifen.


Er versucht, durch den anderen zu leben.


Aus der Unmöglichkeit, mit dem anderen zusammenzufallen, entsteht durch dieses Tun tatsächlich eine Nicht-Koinzidenz. Doch diese Nicht-Koinzidenz erhält eine andere Form als beabsichtigt.


Die beiden Pole werden maximal voneinander getrennt und als maximaler Gegensatz bestimmt:


Der eine soll positiv, der andere negativ sein.

Der eine soll überlegen, der andere unterlegen sein.

Der eine soll zugehörig, der andere ausgeschlossen sein.


Doch gerade dadurch wird das eigene Tun vollständig von dem Menschen bestimmt, über den es sich zu erheben versucht.


Je vollständiger ein Mensch den anderen besitzen, kontrollieren oder festlegen will, desto vollständiger wird sein eigenes Tun von diesem anderen bestimmt.


Das beabsichtigte Über kann sich dadurch funktional in ein Unter verwandeln.


Die angestrebte Überlegenheit erzeugt Abhängigkeit.

Die angestrebte Unabhängigkeit erzeugt Gebundenheit.

Die angestrebte Selbstbestimmung erzeugt Fremdbestimmung durch denjenigen, von dem man sich trennen möchte.


Das eigene Tun bringt damit eine Nicht-Koinzidenz als Untervollzug hervor: Es erzeugt das Gegenteil dessen, was es beabsichtigt.


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Von der Subjektontologie zur Beziehungsontologie


Ein Grundproblem für unsere Empirie ist die Verhaftung in einem Selbstverständnis, nach dem Menschen zunächst voneinander getrennte Wesen sind, die anschließend miteinander in Kontakt treten können.


In dieser Vorstellung sind zuerst die einzelnen Subjekte vorhanden. Die Beziehung kommt nachträglich hinzu.


Unsere Logik schlägt eine umgekehrte Betrachtung vor:


«Das Primäre ist die Beziehung.

Die Beziehung bildet sich als ihre Pole aus.»


Dann haben wir nicht zwei vollständig voneinander unabhängige Dinge, die nachträglich eine Verbindung herstellen. Wir haben eine Beziehung, die in der Verschiedenheit ihrer Pole existiert.


Verändert sich ein Pol, verändert sich die relationale Gesamtlage. Damit verändern sich auch die Bedingungen, unter denen der andere Pol existiert und handelt.


Was aus der Perspektive getrennter Subjekte wie eine kaum erklärbare Verschränkung erscheinen kann, wird aus der Perspektive der Beziehungsontologie zur Grundbedingung relationaler Existenz.


Es geht nun darum, zu untersuchen, wie weit diese Vorstellung trägt.


Ist Beziehung tatsächlich etwas, das zwischen bereits existierenden Subjekten hinzukommt?


Oder sind die sogenannten Subjekte selbst erst die Pole einer Beziehung, die ihnen logisch vorausgeht?


Und wie können wir uns dieser Möglichkeit empirisch nähern, ohne sie lediglich als abstrakte Hypothese zu behaupten?


---


Mensch 1.0 und Mensch 2.0


Die beiden Existenzweisen lassen sich zunächst folgendermaßen unterscheiden:


Existenzweise 1.0


Der Mensch versucht, sich positiv festzustellen, indem er das Negative in den anderen verlagert.


Er sagt implizit:


«Ich bin, was du nicht bist.

Ich bin positiv, weil du negativ bist.

Ich kann bestehen, wenn ich dich festlege.

Ich bin frei, wenn ich dich kontrolliere, besitze oder ausschließe.»


Dadurch wird er jedoch von dem Menschen abhängig, den er ausschließt.


Er benötigt dessen negative Position, um seine eigene positive Position aufrechterhalten zu können. Seine Trennung erzeugt daher keine wirkliche Freiheit, sondern eine immer stärkere Bindung an den anderen.


Mensch 1.0 versucht, Nicht-Koinzidenz durch Trennung herzustellen.


Existenzweise 2.0


Der Mensch erkennt, dass er ein Pol einer Beziehung ist und seine Nicht-Koinzidenz mit dem anderen nicht durch dessen Negativierung erzeugen muss.


Er sagt nicht mehr:


«Ich muss dich negativ bestimmen, um positiv sein zu können.»


Sondern:


«Unsere Nicht-Koinzidenz ist bereits die produktive Spannung unserer Beziehung.»


Der Gegensatz muss dann nicht durch Ausschluss, Abwertung oder Besitz hergestellt werden. Er kann als Beziehung vollzogen werden.


Der andere muss nicht verkleinert werden, damit ich existieren kann. Gerade seine Andersheit wird zur Bedingung meiner nächsten Selbstüberschreitung.


Mensch 2.0 vollzieht Nicht-Koinzidenz als Beziehung.


Pointiert formuliert:


«Der Mensch 1.0 trennt sich vom anderen, um aus ihm zu leben.

Der Mensch 2.0 lebt mit dem anderen, um sich gemeinsam zu überschreiten.»


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Der Geschmack von Freiheit


Aus der Erfahrung äußerer Festlegung kann der Geschmack einer tiefen Freiheit entstehen.


Diese Freiheit ist nicht notwendig an Besitz, Sicherheit, Anerkennung oder günstige Umstände gebunden. Vielleicht besteht sie gerade darin, dass keiner dieser gegenwärtigen Ausdrücke abschließend bestimmen kann, was ein Mensch im nächsten Vollzug wird.


Sie erinnert an das alte Bild der Vögel, die weder Vorräte noch dauerhafte Sicherheiten besitzen und dennoch Ausdruck einer eigentümlichen Freiheit sind.


Freiheit bedeutet dann nicht, vor Verlust, Armut, Begrenzung oder Sterblichkeit geschützt zu sein.


Sie bedeutet, auch durch diese Bedingungen nicht vollständig festgelegt werden zu können.


Der Mensch ist bereit, für Freiheit große Risiken, Entbehrungen und Belastungen auf sich zu nehmen. Insbesondere innere Freiheit erscheint deshalb als eines der höchsten menschlichen Güter.


Freiheit kann nicht wie ein Gegenstand gestohlen oder besessen werden.


Vielleicht ist Freiheit deshalb der Gegenbegriff zum Besitz.


Eine steile These wäre:


«Freiheit ist Eigentum im tieferen Sinn – als Gegensatz zum Besitz.»


Besitz bezeichnet dann das Festhalten eines gegenwärtigen Ausdrucks.


Eigentum würde dagegen nicht bedeuten, über etwas zu verfügen, sondern sich im eigenen Vollzug zu gehören: sich zu verausgaben, zu erschöpfen und gerade darin über die bisherige eigene Bestimmung hinauszugehen.


Freiheit wäre Selbstüberschreitung.


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Freiheit als Unverfügbarkeit der Zukunft


In der Sprache unserer Grundlogik lässt sich Freiheit folgendermaßen bestimmen:


«Freiheit ist die Unverfügbarkeit der eigenen ausdruckslosen Zukunft.»


Kein gegenwärtiger Ausdruck kann abschließend festlegen, was ein Mensch im nächsten Vollzug wird.


Weder sein Besitz noch sein Verlust,

weder seine soziale Position noch sein Ausschluss,

weder die Anerkennung noch die negative Bestimmung durch einen anderen,

weder sein Erfolg noch sein Scheitern

können seine nächste Zukunft vollständig besitzen.


Freiheit ist deshalb weder bloße Willkür noch vollständige Unabhängigkeit von den Umständen.


Sie ist die Nicht-Koinzidenz mit allem, als was ein Mensch bereits ausgedrückt, beschrieben oder bestimmt worden ist.


Ein Mensch kann durch einen gegenwärtigen Ausdruck festgelegt werden. Er ist jedoch nicht mit dieser Festlegung identisch.


In seinem nächsten Vollzug bleibt eine Zukunft offen, die gegenwärtig noch keinen Ausdruck besitzt.


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Die mögliche Umkehrung der Beugung


Wer den anderen durch dessen gegenwärtigen Ausdruck festzulegen versucht, bindet sich selbst an diesen Ausdruck.


Wer sich dagegen als Vollzug erkennt, entdeckt, dass seine nächste Zukunft nicht besessen werden kann.


Eine negative Fremdbestimmung muss deshalb nicht durch eine umgekehrte positive Selbstüberhöhung beantwortet werden.


Die Antwort lautet nicht:


«In Wahrheit bin ich groß und der andere ist klein.

In Wahrheit bin ich positiv und der andere negativ.»


Eine solche Umkehrung würde innerhalb derselben Existenzlogik bleiben.


Die weiterführende Entdeckung lautet:


«Keine gegenwärtige Bestimmung kann abschließend festlegen, was ich werde.»


Darin könnte Beugung tatsächlich zur Vakanz der Selbstüberschreitung werden.


Die Festlegung durch den anderen erzeugt dann nicht einfach eine entgegengesetzte Selbstfestlegung. Sie eröffnet die Erfahrung, dass das eigene Werden durch keine bestehende Position vollständig verfügbar gemacht werden kann.


Der Mensch entdeckt nicht nur eine andere Bestimmung seiner selbst.


Er entdeckt seine Freiheit von der abschließenden Bestimmbarkeit.


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Verdichtung


Die zentrale Logik lässt sich abschließend folgendermaßen verdichten:


«Ein Mensch kann versuchen, seine eigene Existenz durch die negative Bestimmung eines anderen herzustellen.»


«Je stärker er den anderen festlegt, desto stärker wird sein eigenes Tun von diesem anderen abhängig.»


«Die aktive Trennung löst die Beziehung nicht auf, sondern kann sie bis zur vollständigen Gebundenheit intensivieren.»


«Mensch 1.0 versucht, Nicht-Koinzidenz durch Trennung hervorzubringen.»


«Mensch 2.0 erkennt Nicht-Koinzidenz als produktive Grundform der Beziehung.»


«Freiheit besteht nicht darin, eine positive Position gegenüber einer negativen Gegenposition zu besitzen.»


«Freiheit ist die Unverfügbarkeit der eigenen nächsten Zukunft.»


«Der Mensch ist nicht abschließend das, als was er bereits ausgedrückt oder bestimmt worden ist.»


«Gerade darin liegt die Möglichkeit seiner Selbstüberschreitung.»


24.07.2026 © ReckLab.de

 
 
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